 
Der Landeselterntag 2009 begann (erfreulicherweise) mit der hervorragenden Big-Band des Landesmusikgymnasiums und drei auf- und anregenden Kompositionen.
Anschließend begrüßte Michael Esser, Vorsitzender des Landeselternbeirats Rheinland-Pfalz, (Bild rechts) die vielen Zuhörer in der Aula, die bis auf den letzten Platz gefüllt war.
Er begann mit dem verbrieften Recht eines jeden Kindes auf die bestmögliche Bildung und verwies darauf, dass Bildung von zentraler Bedeutung für die Zukunft unserer Kinder und damit auch den Fortschritt unserer Gesellschaft ist. Ziel muss es sein, jeden Einzelnen bis an die Grenzen seiner persönlichen Leistungsfähigkeit zu fördern.
Von besonderer Bedeutung dabei sind ihm gemeinsames Erarbeiten von Aufgaben und Problemen und die begleitende Interaktion aller Partner. Das beinhaltet die Forderung nach Schluss mit "Fehlersuch- und Beschämungskultur" an unseren Schulen. Grundlage allen Erziehunsarbeitens muss der gegenseitige Respekt sein.
Zentrum ist der individuelle Lehr- und Lernprozess. Dabei ist der Verweis auf bestehende (Hoch)Begabungen oft überbewertet, entscheidend ist mindestens genau so stark die jeweilige Motivationslage.
Dazu stellte er 7 Regeln auf:
Das Schülerinteresse muss immer geweckt und erhalten werden. Dazu bedarf es nicht der besten "Fachwissenschaftler" sondern der besten "Pädagogen".
Der Unterricht sollte immer schülerzentriert sein.
Auch die "Geisteshaltung" einer Schule sollte schülerorientiert sein.
Die Akzeptanz von Heterogenität muss vorhanden sein.
Ziel muss sein, die Stärkung individueller Stärken.
Dazu bedarf es einer erweiterten Diagnosekompetenz der Lehrkräfte.
Grundlage dazu ist eine "perfekte Führung" an einer Schule, die sowohl die Kompetenz als auch die Macht hat, erkannte Möglichkeiten ohne Störung von außen durchzusetzen.
Hier ist seiner Ansicht nach das Bildungsministerium gefordert. Dafür sagte er die garantierte Unterstütztung durch den Landeselternbeirat zu.
Dann begrüßte Herr Moser, der Direktor des Landesmusikgymnasiums als Hausherr die Besucher. Dabei stellte er in Kürze die Konzeption dieser in RLP einzigartigen Schulform vor.
Bildungsministerin Doris Ahnen dankte in ihrem Statement zunächst Herrn Esser für seine "parteiischen" (nicht parteilichen!- die Red.) Ausführungen, denen sie im Großen und Ganzen, aber nicht in allen Bedingungen zustimmen könne.
Dann ging sie auf die individuelle Förderung der Kinder (Schüler) ein. Sie verwies auf entsprechende Anstrengungen ihres Ministeriums, aber auch auf viele Hemmnisse. Im Orientierungsrahmen sei aber alles schon entsprechend angelegt.
Für die Durchsetzung bedürfe es dabei immer der Rückkoppelung mit den Eltern.
Besonders wichtig dabei ist die in RLP praktizierte Qualitätssicherung des Unterrichts. In Bezug auf die Forderung nach mehr Heterogenität gab sie zu, dass dies noch nicht ausreichend erfüllt sei.
Besonders bedeutsam sei allerdings auch die Tatsache, dass die vielen Herausforderungen an die Schule schneller wachsen als die Schule dem nachkommen könne.
Besonders im Berufsbildungsbereich, führte sie aus, habe man dieses Schuljahr sechs neue berufliche Gymnasien genehmigt. Auch die Weigerung des Landes Rheinland-Pfalz sich der G8-Bewegung anzuschließen, sei in diesem Sinne vernünftig gewesen.
Aber man habe in diesen Schuljahr auch über 500 Ganztagsschulen im Lande.
Ein weiteres Ziel seien auch kleinere Klassen. Ein erster Schritt dazu solle die Begrenzung auf 28 Schüler(innen) als Regel gelten. Kleine Grundschulen auf dem Lande sollten aber unbedingt erhalten werden.
Auch in der Lehrerversorgung sei gehandelt worden. Es wurden 1000 Lehrer eingestellt. (Wieviele aber gingen, sagte sie nicht - d. Red.) Ein besonderer Mangel bestehe im gymnasialen Bereich in einzelnen Fächern. Um weitere Bewerber zu gewinnen oder Abfluss in andere Bundesländer zu verhindern, sei auch das Verbeamtungsalter auf 45 Jahre heraufgesetzt worden.
Aber auch "neue Instrumentarien" seien angedacht, wie z.B. der Lehrerpool der Schulaufsicht, aus dem heraus die Verwirklichung innovativer Schulkonzepte erleichtert werde.
Für die Duchsetzung solche Pläne ist die vertrauensvolle Zusammenarbeit aller Partner (Lehrer, Eltern, Schüler, Schulaufsicht, Bildungspolitik und Kommunen) besonders wichtig.

Reinhard Kahl, bekannter Bildungsjournalist und Filmemacher, konzentrierte sich in seinem Vortrag auf die "Entdeckung der frühen Jahre" (im Bildungs- und Erziehungsprozess unserer Kinder- d.Red.).
Voran stellte er eine schon oft von Pädagogen geäußerte Aussage: Kinder sind keine Fässer, die mit Bildung und Wissen gefüllt werden , sondern Flammen, die entzündet werden müssen. Dabei konnte er sich einen kleinen Seitenhieb auf den gymnasialen Lernzweig nicht verkneifen. Beifall aus dem Publikum schien ihn zu bestätigen
Seiner Meinung nach ist das Grundprinzip allen Lernens das Prinzip der "Anknüpfung" (an individuelle Vorerfahrungen, Lernerfahrungen und Situationen u.a.). Jeder lernt eben auf seine Weise. Dazu bedarf es nicht unbedingt irgendwelcher hervorgehobenen Projekte, die nach Durchführung wieder in der Schublade landen.
Er brachte in seiner launigen Art die Forderung: "Weniger pädagogische Innnovation und mehr päd. Müllabfuhr" (um Missverständnissen vorzubeugen, mit Müllabfuhr meinte er die Beseitigung alt hergebrachter Hemmnisse und Fehler im herkömmlichen Schul- und Bildungssystem!- d.Red.)
Auch der Begriff "Förderung" sollte durch den Begriff "Herausforderung" ersetzt werden. Lernen von (Klein-)Kindern vollzieht sich auch ohne Förderung und sogar homogener, wenn die Kinder vor Herausforderungen stehen und diese nach entsprechenden Erfahrungen auch bewältigen und, was noch viel wichtiger ist, auch bewältigen wollen! (Betonung liegt auf Wollen.) Er sprach in diesem Zusammenhang vom "Lerngenie" der Kinder. Dies wurde dann durch die Vorführung eines kleinen Filmvotrags untermauert.
Danach erwähnte er den Begriff "Lernkathedralen". Gemeint ist damit, dass für die Bildung der Kinder ( und Jugendlichen - d.Red) die besten Häuser und die besten Lehrer(innen) gerade gut genug seien. Laut Kinsey-Studie habe jeder Euro, der in Bildung gesteckt wird auf längere Sicht eine Rendite von ca 12%, warum also nicht so lukrativ investieren?
Provokativer Rat von Herrn Kahl: Wenn Sie in eine deutsche Schule gehen, schauen Sie erst einmal die Toilette an! Wie recht er hat.
Er berichtete dazu von einem Besuch in einer Schule in Dänemark, die mit Designerleuchten, Originaler Kunst an den Wänden und anderen "Seltsamkeiten" ausgestattet war.
Bemerkung aus dem Kreis deutscher Besucher: Ist das nicht ziemlich übertrieben? Die erste Frage eines deutschen Kollegen: Habt ihr keine Angst, dass das geklaut wird? Antwort des dänischen Kollegen: Wenn wir das nicht so könnten, würden wir besser aufhören.
In jeder Bildungsstätte ist die (innere) Atmosphäre von größter Bedeutung. Alle Beteiligten sollten dazu in gegenseitigem Repekt und Vertrauen auf neue Herausforderungen reagieren. Keinesfall aber dürfe man bei den alten Standpunkten verharren, dass nur das gelingen könne, was nicht schiefgehen darf. Wieder ein lustiges Beispiel dazu: Wenn die ersten Zellen in der Frühgeschichte der Evolution so gedacht hätten, gäbe es uns heute gar nicht.
In Italien spricht ein Pädagoge vom Raum als "dritten Pädagogen!
Zum Schluss zeigte er noch zur Illustration Filmbeiträge von Schulen, die den deutschen Schulpreis erhielten.
Erkenntnis daraus: Kinder(Schüler(innen)) lernen am besten, wenn sie ganz bei sich selbst sind und dabei neugierig und brennend an der Welt interessiert werden.

Anschließend wurde das Podium installiert:
Moderator: Joachim Türk, Chefredakteur der Rhein-Zeitung (2. v.l.)
Teilnehmer:
Michael Esser, Vorsitzender des Landeselternbeirats (2. v. r.)
Reinhard Kahl, Bildungsjournalist und Filmemacher (ganz rechts)
Doris Ahnen, Bildungsministerin RLP (Mitte)
Hanna Zoe Trauer, Innenreferentin der
Landesschülervertretung (links)
Von der folgenden Diskussion werden nur einige wichtigere Momente wiedergegeben.
Frau Kauer (Bild rechts): Die gesehenen Beispiele sind wirklich gut und ermutigend, aber die Realität vor Ort sieht meist anders aus. Es gibt eine Menge sehr guter Lehrer(innen), aber auch die stoßen sehr schnell an Grenzen und ziehen sich eventuell zurück.
Was die Beurteilung von "Spick-Mich" im Internet angeht wird dies von der Schülervertretung sehr kritisch betrachtet. Wenn man ein schulinternes unabhängiges Medium zur Beurteilung der Lehrer(inne)n hätte, wäre SpickMich vielleicht gar nicht nötig.
Herr Esser: Wer andere beurteilt, muss auch zulassen, beurteilt zu werden
Frau Ahnen: Das geschieht allerdings im Fall von SpickMich auf ganz anderen Ebenen und muss deshalb differenziert betrachtet werden
Im Bezug auf die Anregungen von Herrn Kahl habe ich zwiespältige Gefühle. Die gesehenen Beispiele sind hervorragend, aber die Realität sieht anders aus. Schön wär´s aber allemal. Aber es ist auch nicht alles schlecht, was wir heute haben.
Auf die Frage des Moderators, "Können die einzelnen Schulen das nicht selbst in die Hand nehmen, dürfen die das überhaupt? : "Schulen in RLP dürfen eigenständig mehr als sie glauben zu dürfen!" Dazu gibt es auch einige Erfolg versprechende Ansätze.
Dazu Herr Kahl: "Auch Lehrer dürfen mehr als sie glauben!" (Ob er als Journalist das richtig sieht? - die Red.)
Am Nachmittag, nach einem gemeinsamen Mittagessen, gab es dann noch die Möglichkeit, verschiedene Foren zu besuchen. Eine Kurzbeschreibung finden Sie auf den Seiten des Landeselternbeirats.
Bericht: Dipl.Päd. Manfred Schreiber
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